

Süddeutsche Zeitung am 28.07.2008
von Peter Oberstein
Es gab an diesem Abend „Emily, die Gürtelschnalle“, ein Melodram auf hoher See, eine Kurzoper über einen „Porno-Krieg“ vor Gericht und Szenen um ein Paddel im Stile Rainer Werner Fassbinders. Anders gesagt, es waren Improvisationstheatergruppen auf der Bühne.
Dies hatte ihnen die Versicherungskammer Bayern aufgestellt, durchaus mit einem Hintergedanken. Der Konzern wollte sein Engagement für die Giesinger Kultur in einem festlichen Rahmen zeigen und er wollte Geld loswerden. Insgesamt hatte er 5000 Euro für die beste Impro-Gruppe des Abends ausgelobt. Das Rennen machte „isar148“, ein Ensemble, das durch Vitalität und Bühnenpräsenz bestach.
Vordergründig passen Versicherungswesen und Stegreiftheater so gar nicht zusammen. Auf der einen Seite ein Denken, das von Kalkulationen lebt und das versucht, Risiken für die eigenen Bilanzen zu minimieren und für die Kunden zumindest abzufedern. Auf der anderen Seite eine Theatertechnik, die gerade auf das Unerwartete setzt. So gesehen wäre im Giesinger Verwaltungssitz der Versicherungskammer das Geordnete auf das Anarchistische getroffen.
Eine solche Gegenüberstellung wird aber wohl weder dem Alltag der Versicherung noch dem Improvisationstheater gerecht. Bekanntlich gibt es genug Techniken und Methoden, um auch in diesem Bereich die Risikien zu minimieren. Das Übrige ist Mut, Talent und vor allem viel Übung.
In dieser Hinsicht waren alle vier Gruppen, die die Jury aus 16 Bewerbern vorausgewählt hatte, voll austrainiert, was den Unterhaltungswert des Abends garantierte. Es entstanden viele witzige Szenen, bisweilen hochklassige Comedy und sehr viel Skurriles, etwa als ein Artikel der BILD-Zeitung dadurch geadelt wurde, dass er für ein Libretto herhalten musste - so bei der Gruppe „La Triviata“. Oder als das Ensemble „Tatwort“ bei der Übersetzung einer Talkshow zu dem Thema „Giraffen und Schmiedehandwerk“ in Gebärdensprache dem Affen kräftig Zucker gab. Das Team des „Fastfood Theaters“ bewies vielleicht den größten Mut, indem es mit einem neuen Programm auftrat und erfundene Drehbücher vorspielte.
Die Sieger, Birgit Linner, Roland Trescher und Marc Schmolling, die unter dem Namen „isar148“ auftraten, hatten das simpelste Konzept. Sie spielten keine fiktiven Filme oder Opern vor, sondern wählten einfache Szenen - eine Prüfung, ein Treffen im Restaurant - und eroberten sich mit viel Spontaneität und Spielfreude die Gunst der Zuschauer. So gewannen sie beides: den mit 1000 Euro dotierten Publikumspreis und den von einer Jury vergebenen und mit 4000 Euro ausgestatteten Giesinger Kulturpreis